150 Jahre Theologisch-praktische Quartalschrift*

An den Iden des März 1848 griff die Revolution auch auf Wien über und bewog nicht nur Adalbert Stifter, sondern auch Franz Joseph Rudigier, den späteren Bischof von Linz, zum Verlassen der Reichshauptstadt. Rudigier, der seit 1845 als Spiritualdirektor der „höheren geistlichen Bildungsanstalt St. Augustin“ gewirkt hatte, dürfte ein anonymer Schmähbrief, gezeichnet von einem „Freunde der guten Sache“, den Abschied von Wien sehr erleichtert haben. In diesem Schreiben hieß es u. a.:

„Sie sind einer jener verstockten Pfaffen, welche, die Zeit nicht begreifend, mit der Kraft des Wahnsinns am Alten festhalten und daher jedem Fortschritte ohnmächtigen Widerstand entgegensetzen. Entfernen Sie sich daher baldigst aus dem freiheitsliebenden Wien und kehren Sie zurück in Ihr finsteres Land, in welchem noch fanatische Priester ihre Herrschaft üben. Da ist Ihr Platz. Sie sind unwürdig, von der Sonne der jungen Freiheit beschienen zu werden.“

Schien dem Briefschreiber die Revolution die „Sonne der jungen Freiheit“ gebracht zu haben, so sah Rudigier das ganz anders. Noch am 23. September 1849 schilderte er das revolutionäre Geschehen in einer Predigt in Innichen mit den düsteren Worten:

„Im Innern Österreichs brach in der Hauptstadt des Reiches und an verschiedenen Orten eine weitverzweigte Revolution aus. Kaum gedämpft oder beschwichtigt, erhob sie sich immer wieder blutiger und unersättlicher und förderte Frevel zu Tage, ob deren Anblick die Sonne ihr Antlitz hätte verhüllen mögen.“

Tatsächlich hatten beide, wenn man das so vereinfacht ausdrücken darf, ein wenig recht: Rudigier, der vor allem die negativen Begleiterscheinungen der Revolution ins Visier nahm, und der Briefschreiber, der die „Sonne der jungen Freiheit aufgehen sah“.

Es ist interessant, daß der damalige greise und schon fast ganz erblindete Linzer Bischof Gregorius Thomas Ziegler (1827–1852) aus dem Schwabenlande als einer der ersten im österreichischen Epsikopat die neuen Chancen witterte und im Mai 1848 eine Eingabe an den Innenminister richtete, die auf die völlige Abschaffung des josephinischen Systems hinauslief.

Der kirchliche Emanzipationsprozeß reicht allerdings viel weiter zurück. Mit der Revolution von 1848 trat er dann in ein entscheidendes Stadium. Die Gewährung der Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit konnte auch die Kirche für sich nützen, so z. B. durch die Herausgabe von Zeitschriften.

Linz hatte schon von 1802 bis 1821 eine theologische Zeitschrift besessen, die vom St. Florianer Chorherren Franz Joseph Freindaller redigierte, höchst angesehene „Theologisch-praktische Monatsschrift“. Mehrere Versuche einer Wiederbelebung scheiterten zunächst an der staatlichen Zensur.

Im Herbst 1846 begann man in Linz mit der Abhaltung von Priesterkonferenzen, die der wissenschaftlichen und aszetischen Fortbildung dienen sollten. Solche Treffen waren im damaligen Polizeistaat eigentlich verboten; die Versammlungsfreiheit wurde ja erst, wie wir gesehen haben, mit der Revolution von 1848 gewährt. Bei diesen Konferenzen wurde der Plan gefaßt, wieder eine theologische Zeitschrift herauszugeben. Nach Einholung der kirchlichen und staatlichen Erlaubnis konnte die Zeitschrift ab 1848 als „Theologisch praktische Quartalschrift“ tatsächlich wieder erscheinen. Im eigentlichen Sinne ist sie also „nicht ein Kind der Revolution, sondern Ergebnis eines jahrelangen Ringens mit der staatlichen Zensurbehörde“. Als Redakteure und Herausgeber fungierten zunächst Domkapitular Johann B. Schiedermayr (1807–1878), der großes Ansehen genoß und eigentlich nur den Namen hergab, und Augustin Rechberger (1800–1864), Professor der Dogmatik, der die tatsächliche redaktionelle Arbeit leistete.

Da der wiedererstandenen Zeitschrift die durch die Revolution erreichten Freiheiten voll zugute kamen, ist es verständlich, daß schon das erste Heft einen „offenen Brief“ brachte: „Ein Wort über Preßfreiheit“, in welchem der Autor, Friedrich Baumgarten, einem nicht genannten Briefschreiber, der seine Besorgtheit über die Pressefreiheit geäußert hatte, antwortete: „Ich wage … anzudeuten, daß die Preßfreiheit, wenn sie von dem Clerus gehörig benützt wird, ihm, seinen Interessen und Bestrebungen keineswegs feindselig entgegensteht …“; ja der Klerus hat „durch die Preßfreiheit nicht so sehr verloren, als vielmehr gewonnen“. Zum gleichen Thema äußerte sich noch im selben Jahrgang auch [Anton] Stießberger, der in der Presse „eine Groß-, ja Hauptmacht“ erblickte; der Klerus dürfe sich diese „nicht entreißen … lassen, sondern [solle] sich derselben zum Angriffe und zur Vertheidigung … bedienen“.

Ab 1848 waren auch in Linz wieder „öffentliche Klerusversammlungen“ möglich, die ihrerseits einen wesentlichen Beitrag zur Förderung und Verbreitung der Quartalschrift leisteten. Auch aus diesem Grund reagierte die Zeitschrift zunächst vorwiegend positiv auf die neue Zeit. So äußerte ein Johann T. Max Zetter im Jahrgang 2 die Ansicht: „Weder rathsam noch ersprießlich für Religion und Kirche wäre es, wollte der Geistliche sich geradezu der Zeitbewegung entgegenstemmen, oder jede Vereinbarung mit ihr stracks abweisen.“

In der weiteren Folge läßt sich bei der Zeitschrift allerdings eine gewisse Einengung des Gesichtskreises auf innerkatholische Vorgänge vor allem im Bistum Linz feststellen.

Eine neue Ära für die Zeitschrift, die bis heute fortdauert, begann mit dem Jahre 1861. Damals, d. h. mit dem 14. Jahrgang, übernahmen auf Wunsch von Bischof Franz Joseph Rudigier (1853–1884) die „Professoren der bischöfl. theolog. Diözesan-Lehranstalt“ die Herausgabe. Nach den Worten des Bischofs sollte das „Journal“, wie er die Zeitschrift nannte, „die so wichtige geistliche Wissenschaft, und die noch wichtigere Liebe zu derselben fördern“. Die Professoren stellten sich folgendes Programm: Es sollten jeweils „Abhandlungen aus der Theologie und über christliche Kunst“, „Antworten auf Pfarrkonkurs- und Pastoralkonferenz-Fragen“ (Kasuistik), Berichte über die „kirchenrechtliche Entwicklung“, „Mittheilungen über neuere Literatur“ und schließlich „Nachrichten über Kirchliches im Allgemeinen und speziell aus der Diözesanchronik“ geboten werden. Aus der zuletzt genannten Rubrik entwickelten sich die „Zeitläufe“, aus denen die jeweiligen Anschauungen und Tendenzen der Zeitschrift recht gut ablesbar sind.

Rein äußerlich wurde das Programm erfüllt und behielt auch Modellcharakter für die Zukunft, ja sogar bis in die Gegenwart; das Niveau des Gebotenen entsprach aber nicht immer den Erwartungen, zumal es zunächst noch weithin an Autoren fehlte, „die über die engen Grenzen“ der Diözese hinaussahen. Das führte – neben anderen Gründen (Redaktionswechsel 1865) – zu einer Krise, aufgrund welcher der Abonnentenstand unter die Zahl 160 sank.

1875 trat der Pastoraltheologe Josef Schwarz (1841–1909) in die Redaktion ein, ab 1876 besorgte er die Schriftleitung zwei Jahre hindurch allein. Das löste einen Zwist im Professorenkollegium aus. Manchen Professoren gefiel die betont auf die Praxis ausgerichtete Linie der Zeitschrift nicht. Der Wiener Moraltheologe Dr. Ernest Müller setzte sich jedoch bei Bischof Rudigier für Schwarz ein. Tatsächlich sollte sich Schwarz als Retter der Zeitschrift erweisen. Bischof Rudigier förderte das Unternehmen seinerseits durch eine wohlwollende Empfehlung im Linzer Diözesanblatt, die folgenden Wortlaut hat:

„Es gereicht der Diözese Linz zur Ehre, daß sie seit lange – seit 28 Jahren – eine theologisch-praktische Quartalschrift, und zwar eine Quartalschrift besitzt, die sich verdienter Massen des besten Rufes erfreut. Diese Zeitschrift hat viel geleistet zur Verbreitung und Begründung richtiger Anschauungen auf dem Gebiethe der theologischen Wissenschaft, zu verläßlicher Orientirung in schwierigen Fällen der Seelsorge, zur angemessenen Würdigung der wichtigern Zeitereignisse auf dem Gebiethe der Kirche, zur Anregung und Leitung des Sinnes für fortgesetztes Studium im Clerus, kurz, sie hat viel gewirkt für die heiligsten Interessen der Kirche. Gott belohne die Gründer und die Mitarbeiter derselben, und auch alle diejenigen, die durch Abnahme oder auf andere Weise die materiellen Mittel zu ihrer Existenz gebothen haben.

Mit dem Jahre 1876 beginnt sie ihren 29. Jahrgang. Sie wird sich ihrer früheren Jahrgänge würdig zu halten, ja dieselben noch zu übertreffen suchen.

Ich empfehle sie zu zahlreicher Abnahme, zumal sie sich, wie gesagt, selbst empfiehlt, zahlreiches Abonnement die innere Vervollkommnung derselben ermöglicht, die Ehre der Diözese durch sie gefördert wird, und insbesondere der jüngere Clerus durch sie mit seinen geliebten und bestverdienten Lehrern in beständigem Contact verbleibt.“

Schwarz gelang es, damals sehr angesehene Autoren wie Hettinger, Ernest Müller, Lehmkuhl, Göpfert, Albert Maria Weiß, Scheicher, Beringer u. a. als Mitarbeiter zu gewinnen, was sich auch günstig auf die Abonnentenzahl auswirkte. Als Sohn eines Kaufmannes hatte Schwarz vom Vater offenbar auch dessen Geschäftssinn geerbt. Der Bezieherkreis wuchs jedes Jahr um ca. 500; als Schwarz Ende 1892 aus der Redaktion schied, war ein Abonnentenstand von fast 10.000 erreicht; seine Redaktionsperiode bedeutete „eine wahre Blüteperiode für die Zeitschrift“ (L. Kopler).

Inzwischen hatte sich freilich eine Krise angebahnt, die mit Bischof Franz M. Doppelbauer (1889–1908) zusammenhängt. Mit dessen Vorgängern Rudigier und Ernest M. Müller (1885–1888) hatte die Zeitschrift keine Probleme gehabt. Im Gegenteil! Sie hatten sich warm für sie eingesetzt. Unter Doppelbauer und dann auch noch unter Rudolph Hittmair (1859–1915) wehte ein anderer Wind. Doppelbauer verbot 1893 den Bezug der Zeitschrift gegen Meßstipendien, was zwar über Vermittlung des Jesuitenkardinals Andreas Steinhuber noch einmal rückgängig gemacht werden konnte. Doch 1904, unter Papst Pius X., mußte „endgültig mit den Intentionenabbonements Schluß gemacht werden“, was der Quartalschrift schlagartig 2000 Abonnenten kostete. Es gab aber auch Konflikte bezüglich der inhaltlichen Linie der Zeitschrift. Aus einem Brief vom 6. April 1893, den Matthias Hiptmair, Kirchenhistoriker in Linz und neben Schwarz seit 1883 an der Redaktion beteiligt, an den Rektor des Germanikums in Rom richtete, erfährt man, daß Doppelbauer sofort nach seiner Amtsübernahme 1889 die „bisch. Censur“ gefordert hatte; auch hatte er die Redaktion wissen lassen, daß ihm „die kirchl. Zeitläufe Scheichers wegen Verletzung der bisch. Autorität etc.“ nicht gefielen. Die Rubrik „Zeitläufe" war seit Jahren vom St. Pöltener Moraltheologen Dr. Josef Scheicher (1842–1924), einem christlich-sozial engagierten Priesterpolitiker, mit gewandter Feder gestaltet worden. Dem konservativ ausgerichteten Linzer Bischof war die offene Schreibweise Scheichers ein Dorn im Auge. Chefredakteur Schwarz und Mitredakteur Hiptmair versprachen dem Bischof, „das Möglichste“ zu tun. Hiptmair übernahm nun „die Prüfung der Zeitläufe“ vor ihrer Veröffentlichung, er konnte aber, wie er dem Rektor in Rom mitteilte, „Scheichers Geist … nicht hinausbringen; da hätte ich Alles streichen müssen.“ Bis 1892 herrschte dann scheinbare Ruhe. Am 20. November des betreffenden Jahres drückte jedoch der Bischof gegenüber Hiptmair abermals „sein größtes Mißfallen über die Zeitläufe aus.“ Chefredakteur Schwarz, der damals ins Domkapitel aufgenommen wurde und der deswegen aus der Redaktion schied, sicherte dem Bischof „die Beseitigung Scheichers“ zu. Durchführen mußte diesen Schritt aber Hiptmair, der mit 15. Jänner 1893 zum Chefredakteur aufrückte. Er mußte sehr vorsichtig zu Werke gehen, da Scheicher überaus angesehen war und einen „sehr großen Anhang unter dem Clerus“ hatte; ein Eklat hätte, nach Meinung Hiptmairs, „zu einer Katastrophe für die Zeitschrift … führen können“. Die Sache drang aber doch an die Öffentlichkeit. In mehreren Blättern, so „in den ‚Pol. Fragmenten‘ Wiens, einem Blatte der ‚Christlich Socialen‘ Wiens“, erschienen daraufhin Artikel gegen den Linzer Bischof. Dieser hielt Scheicher für den „Urheber“ der Veröffentlichungen; er beschuldigte aber auch Hiptmair der Mitschuld. Der Chefredakteur hatte nämlich einen Brief zur Verteidigung der Redaktion der Quartalschrift geschrieben, der von der christlich-sozialen Presse gegen den Bischof ausgespielt wurde.

Die unmittelbare Folge dieses Zwischenfalls war die Beendigung der Mitarbeit Scheichers an der Quartalschrift. Im Heft 1 des Jahrgangs 1893 erschien noch ein von ihm verfaßter Beitrag, ab Heft 2 gestaltete die „Zeitläufe“ jedoch der erzkonservative Dominikanerpater Albert Maria Weiß.

In Scheichers Memoiren findet sich in diesem Zusammenhang die aufschlußreiche Bemerkung, daß sein Bischof, Matthäus Binder, der ihn zum Redakteur des „St. Pöltener Boten“ bestellt hatte und der der „alten Schule“ angehörte, sich der „heute beliebten Philosophie der hochnotpeinlichen Überwachung, Zensur und Superzensur“ nicht bediente, während „ein Bischof der neuen Schule (Linz) direkt nach jahrzehntelanger Mitarbeit bei der Quartalschrift meine Abschüttelung begehrte …“ Und an anderer Stelle schreibt Scheicher:

„Bischof Doppelbauer von Linz war eine eigenartige Natur. Knorrig angelegt, wie ein kerniger Bajuware nur sein kann, hatte er sich in eine Art Gottähnlichkeit hineingelebt. Der Scheicher war ihm zu demokratisch. Obgleich derselbe die Linzer Quartalschrift mit zu einer nicht ungeahnten Höhe hatte bringen verholfen, wie Dutzende von Briefen des Redakteurs Schwarz beweisen, erhielt der Nachfolger desselben [Hiptmair] als ersten Auftrag: den Mitarbeiter Scheicher abzuschütteln.“

Rudolph Hittmair, der Nachfolger Doppelbauers, ließ am 15. September 1909, d. h. einige Monate nach seiner Amtsübernahme, die Redaktion zwar wissen, daß der Aufdruck auf der Zeitschrift „Mit bischöflicher Genehmigung“ ab dem nächsten Jahrgang unterbleiben könne, da die „censura subsequens“ vollkommen genüge, doch 1911 schritt derselbe Bischof gegen die Veröffentlichung eines bereits gesetzten Artikels über die Vasektomie ein. Die Redaktion, die damals aus dem Professor der Dogmatik Martin Fuchs und dem Pastoraltheologen Johannes Gföllner, dem späteren Bischof, bestand, gehorchte zwar und brachte den Artikel nicht, setzte sich aber in einem am 24. Juni d. J. überreichten Schreiben an das bischöfliche Ordinariat energisch zur Wehr. Mit Verweis auf die erwähnte schriftliche Mitteilung des Bischofs von 1909 äußerten sich die Redakteure wie folgt:

„Die Redaktion empfindet es bitter, daß jetzt so plötzlich von dem im vorstehenden Schreiben aufgestellten Grundsatz ohne ersichtlichen Grund abgegangen wurde … Was ferner die Form des Vorgehens anbelangt, muß die Redaktion den gewiß berechtigten Wunsch zum Ausdruck bringen, ein Hochwürdigstes Bischöfliches Ordinariat möge in Zukunft, wenn Hochdasselbe bezügl. der Quartalschrift Etwas zu verfügen für gut findet, mit dem verantwortlichen Chefredakteur nicht durch eine Mittelsperson, sondern direkt u. zwar schriftlich verkehren.“

Der inkriminierte Artikel wurde dem Schreiben „ausnamsweise“ beigelegt, und zwar mit der Bemerkung: „Vielleicht findet sich der Hochwürdigste Herr Ordinarius nach genauer Prüfung desselben veranlaßt, das scharfe Urteil zu modifizieren u. die Veröffentlichung für das nächste Heft zu gestatten.“ Schließlich brachte die Redaktion noch ihr Bedauern zum Ausdruck, daß für die Zeitschrift, „die sich in der ganzen Welt der größten Hochachtung“ erfreue, „bisher kein einziges bischöfliches Ordinariat in Österreich ein Wort der Anerkennung“ gefunden habe.

Die Quartalschrift konnte sich trotz der Zerwürfnisse mit dem Bischof und der daraus resultierenden Maßnahmen halten. Am 2. Juli 1893 schrieb Hiptmair dem Rektor des Germanikums:

„Bezüglich der Zeitschrift ist der Sturm, welcher sehr heftig und gefährlich war, nunmehr glücklich vorübergegangen … Die Zeitschrift steht so fest wie zuvor.“

Hiptmair gelang es zunächst sogar, nicht nur die erfolgten Einbrüche abzufangen, sondern den Bezieherkreis noch auszubauen; dieser erreichte im Jahre 1900 den bis dahin höchsten Stand von ca. 12.800 Abonnenten.

Das schon erwähnte, 1904 erfolgte endgültige Verbot Roms von „Intensionsabonnenten“, die Konkurrenz durch andere Zeitschriften sowie mehrere „literarische Fehden“, die Hiptmair in seinem Organ austrug, führten zu einer drastischen Abnahme der Leserzahl auf ca. 8000 bis Ende des Jahres 1919.

Daß die Quartalschrift die schwierige Kriegs- (1914–1918) und Nachkriegszeit, das Zerbrechen der Monarchie und die Inflation nicht nur überstand, sondern sogar wieder eine Aufwärtsentwicklung nehmen konnte – bis 1927 war eine Abnehmerzahl von ca. 16.000 erreicht – ist vor allem dem Geschick des Dogmatikprofessors Leopold Kopler (1881–1933) zu danken, der 1913 in die Redaktion eintrat und 1915 Chefredakteur wurde. Nun wurden aus dem Verkauf der Zeitschrift sogar so bedeutende Gewinne erzielt, daß davon der Bau einer Linzer Stadtrandkirche (Untergaumberg) wesentlich mitfinanziert werden konnte.

Nach dem frühen Tode Koplers (1933) übernahm der Pastoraltheologe Wenzel Grosam (1877–1942), der von Ferdinand Spießberger (1894–1964) unterstützt wurde, die Chefredaktion. Nach dem Ausscheiden Grosams aus der Redaktion 1938 oblag Spießberger die Schriftleitung, unter dem der Abonnentenstand auf fast 18000 hinaufschnellte.

Obwohl die Zeitschrift sich nicht mit dem sich ausbreitenden Nationalsozialismus auseinandersetzte, wurde sie 1942 verboten. Als Vorwand hierfür diente ein völlig harmloser Artikel des Jesuiten Bernhard van Acken zum Thema Priester und Frau in Heft 4/1941, der angeblich eine Beleidigung der deutschen Frau darstellte.

Der Regens des Priesterseminars, Wenzel Grosam, einst selbst Chefredakteur der Quartalschrift, machte nach deren Einstellung in einem der damals herausgegebenen Rundbriefe den Alumnen beim Wehrdienst die Mitteilung: „Die bekannte Linzer Tante, genannt Th.p. Quartalschrift, ist im 94. Jahrgang gestorben (nicht an Altersschwäche!). Der Herr gebe ihr frohe Urständ.“

Diese „Urständ“ ereigneten sich 1947. Das Professorenkollegium hatte die Neubelebung der Zeitschrift unter Beibehaltung des bewährten Konzeptes angestrebt und konnte das Vorhaben im genannten Jahr auch tatsächlich realisieren. Die Schriftleitung übernahm der Alttestamentler Maximilian Hollnsteiner (1904–1997). Freilich war trotz seines großen Engagements der frühere Abonnentenstand nicht mehr zu erreichen. Gründe hierfür waren das Bestehen des „Eisernen Vorhangs“, der Rückgang der Kenntnisse der deutschen Sprache im Osten und die wachsende Medienflut im Westen. Man mußte sich mit Auflagenzahlen zwischen 2000 und 3000 begnügen. Auch der ehemalige Charakter eines dialogischen Kommunikationsorgans, das geprägt ist durch Zuschriften von Praktikern (Pastoralfragen, -fälle) und von Antworten der Redaktion, ließ sich längerfristig nicht halten.

Dagegen gelang es der Zeitschrift zunehmend besser, sich den neuen Problemen und Fragen in Kirche und Welt zu stellen. Nicht unwichtig hierfür war es, daß die Professoren Josef Lenzenweger und Johannes Marböck auch nach ihrer Abberufung aus Linz im Redaktionsteam verblieben und nun „Außenstützpunkte“ an den Universitäten Bochum bzw. Wien und Graz bildeten, was sich für die Gewinnung von Mitarbeitern und Abonnenten als günstig erwies.

Eine wichtige Neuerung erfolgte im Zeitraum, in welchem ich selbst der Redaktion angehörte (Redaktionsmitglied 1982–1994; davon zehn Jahre Chefredakteur), nämlich die Einführung von Themenheften (1984). Ein anderer entscheidender Schritt wurde 1994 mit dem Übergang zu einem Verlag in Deutschland (Friedrich Pustet/Regensburg) getan. Die Hoffnung, durch ein zweites Standbein (Herausgeber, Redaktion und Druck in Linz; Verlag in Regensburg) auch zusätzliche Abonnenten gewinnen zu können, erfüllte sich aber leider nicht.

1993 übernahm der Professor der Dogmatik Jozef Niewiadomski, der seit 1992 der Redaktion angehörte, die Hauptschriftleitung, die er auch nach seiner Berufung nach Innsbruck (1996) noch für ein Jahr beibehielt. Aufgrund seines großen Bekanntenkreises gelang es Niewiadomski, neue Autoren für unsere Zeitschrift zu interessieren und brisante Themen aufzugreifen.

Nach der Darlegung der äußeren Geschichte der Quartalschrift sei nun noch versucht, ihre inhaltliche Ausrichtung zu skizzieren.

Für die Zeit ihrer Entstehung konnten wir eine gewisse Offenheit gegenüber der neuen Situation beobachten. Doch bald begann sich eine konservativ-apologetische Tendenz abzuzeichnen, die sich mit der „Germanikergeneration“ in der Redaktion (Fuchs, Hiptmair, Gföllner, Kopler) noch verschärfte. Insbesondere die Artikel von Matthias Hiptmair trugen dieser Tendenz Rechnung. In scharfer Diktion und mit enger Anlehnung an päpstliche Stellungnahmen griff er den Amerikanismus, den Monismus, den Modernismus, den Protestantismus, die Freimaurerei, das Judentum, die Sozialdemokratie, das Risorgimento und die Simultanschule an, während er sich z. B. für die Jesuiten, die Zentrumspartei in Deutschland, das päpstliche „Non expedit“, die konfessionelle Schule u. ä. stark machte.

Entgegen der sonst konservativen Tendenz der Zeitschrift ist aber zu dieser Zeit eine Aufgeschlossenheit gegenüber der Sozialen Frage feststellbar. Der St. Florianer Chorherr Karl Reichhart (1827–1880) empfahl z. B. 1869 all denen, „die sich in dieser wichtigen Frage noch weiter orientiren und auf die wissenschaftliche Seite näher eingehen wollen“, das – zwei Jahre zuvor erschienene – „geradezu ausgezeichnete Werk: ‚Das Capital‘ von Carl Marx“. Um die Jahrhundertwende begann sich dann freilich eine scharf antisozialistische Linie abzuzeichnen, an der aber nicht nur die Autoren der Quartalschrift, sondern auch die Gegenseite Schuld hatte.

Die eingehende Berücksichtigung der sogenannten Kasuistik war lange Zeit ein Hauptmotiv für den Bezug der Zeitschrift und damit für ihre Verbreitung gewesen. Matthias Hiptmair teilte z. B. in einem Brief vom 22. November 1885 dem Rektor des Germanikums in Rom mit, daß die Quartalschrift „das Schwergewicht in den Casus“ habe und bat um entsprechende Beiträge. Bei den aufgegriffenen Fällen ging es freilich oft gar nicht um wirklich dringende Anliegen, sondern eher um einen „Denksport für Kleriker“.

So wurde z. B. 1932 „ein Kasus, verursacht durch eine Geld fressende Ziege“ behandelt. Demnach hatte sich der Verpächter eines Bauernhofes in Frankreich zu seinem Pächter begeben, um die Pacht in Empfang zu nehmen. Dieser gab ihm eine größere Geldnote, von der er 100 Francs herausbekommen sollte. Doch vor der Übergabe des Scheines entriß dem Pachtherrn eine Ziege des Pächters die 100 Francs und verschlang sie. Daraufhin entbrannte zwischen Pächter und Pachtherrn ein heftiger Streit. Der eine hatte das Geld ja tatsächlich „hergegeben“, der andere aber hatte es nicht „empfangen“. Der geschilderte Fall wird vom Berichterstatter, Karl Fruhstorfer, so gelöst:

„… weil den Pächter keine Schuld am Geldfraß der Ziege trifft, dauert sein striktes Recht auf die 100 Franken ungeschmälert fort. Somit schuldet der Verpächter die genannte Summe dem Pächter auch jetzt noch.“

In theologischer Hinsicht dominierte in der Zeitschrift ein streng neuscholastisches und antimodernistisches Denken, so z. B. im Artikel „Modernismus“ von Augustin Lehmkuhl, der die päpstliche Enzyklika „Pascendi“ von 1907 eingehend würdigte. Diese Linie wurde bis zum Zweiten Vatikanum konsequent fortgeführt.

Seither bedingte eine neue Sicht der Kirche, das Entstehen neuer kirchlicher Ämter und neuer Methoden der Seelsorge sowie der Rückgang der Priesterzahlen ein „Abrücken von der früheren Kleruszentrierung“. Auch wurde es notwendig, sich den neuen Problemen in Kirche und Welt zu stellen. Das scheint im wesentlichen gelungen zu sein.

Die Zukunft der Zeitschrift ist nicht leicht abzusehen. Sie lebt von der Akzeptanz, die sich zunächst einmal darin äußert, daß man sie überhaupt bezieht. Da ich selbst der Redaktion nicht mehr angehöre, getraue ich mir, den folgenden Satz hier anzubringen: Für mich ist es nur schwer nachvollziehbar, daß jemand, der die Hohe Schule von Linz absolviert hat, nicht Abonnent/in der Theologisch-praktischen Quartalschrift ist.

Bei meinem Ausscheiden als Chefredakteur (Ende 1992) formulierte ich meine Wünsche bezüglich der Zeitschrift. Ich zitiere diese Worte abschließend, weil sie zugleich die Vorstellungen und Hoffnungen artikulieren, welche die damalige Redaktion mit der Zeitschrift verband:

„Möge es – bei Beibehaltung der Grundkonzeption – gelingen, die Zeitschrift ständig besser zu machen. Ich würde mir wünschen, daß sie immer mehr von einem ‚Bollwerk‘, das sie einmal war, zu einer ‚Brücke‘ wird. Eine Brücke trennt nicht, sie verbindet. Möge die Quartalschrift mit ihrer immer noch internationalen Verbreitung einen kleinen Beitrag dazu leisten, um die westliche und östliche Theologie, ja die Kontinente miteinander zu verbinden; möge sie jeden Fachegoismus überwinden und die einzelnen theologischen Disziplinen in ausgewogener Weise zu Wort kommen lassen; möge sie aber auch die hohe Fachwissenschaft mit der theologischen Praxis verknüpfen, also - entsprechend ihrer Bezeichnung als ‚theologisch-praktische‘ Zeitschrift - bei aller Wahrung eines guten Gesamtniveaus das gebotene Material so aufbereiten, daß es rezipierbar wird. Nicht zuletzt sollte die Zeitschrift auch in dem Sinne Brücke sein, daß sie nicht polarisierend wirkt, sondern dazu beiträgt, erzielte theologische Fortschritte so zu vermitteln, daß auch eher konservative Theologen und Seelsorger sie nicht von vorneherein abschreiben“.

Wenn diese Mittlerfunktion erfüllt wird, müßte es der Zeitschrift – trotz der ständig wachsenden Medienvielfalt – eigentlich gelingen, auch noch kommenden Generationen ihre Dienste anbieten zu können.

 

* Abschiedsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Rudolf Zinnhobler (24. März 1998)